Manche Lebenswege führen uns an Orte, die wir nie erwartet hätten, um uns dann zu unseren Wurzeln zurückzubringen. Für die polnische Historikerin und Soziolinguistin Justyna Olko begann diese Reise in den 1990er-Jahren mit einer tiefen Faszination für die indigenen Kulturen Amerikas. Ihr Archäologie-Studium in Warschau war die logische Konsequenz, doch es war ihre postgraduale Forschung zu den Nahua in Zentralmexiko, die ihr einen unerwarteten Spiegel vorhielt.
Von Mexiko nach Europa: Die Macht der Sprache
„In gewisser Weise führte mich Nahuatl zurück nach Polen, indem ich die Probleme sprachlicher Diskriminierung und Sprachgefährdung erkannte“, erinnert sich Olko. Diese Erkenntnis war der Beginn einer tiefgreifenden Transformation. Im Jahr 2012 erhielt sie ein Stipendium für ein dreijähriges Projekt, das sie tief in die Kultur und Sprache der Nahua eintauchen ließ. Sie lernte Nahuatl zu sprechen und erforschte Modelle zu dessen Revitalisierung. Doch der größte Erfolg war die emotionale Brücke, die sie zwischen den Gemeinden baute: „Es war wertvoll, den Mitgliedern dieser Gemeinschaften zu zeigen, dass sie nicht allein sind und mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden.“ Inspiriert von diesem Austausch, entstanden eigene soziale Netzwerke, die den gemeinsamen Kampf stärkten.
Olko, heute Professorin an der Universität Warschau, weiß, dass der Einsatz für bedrohte Sprachen in Europa, insbesondere angesichts des Aufstiegs rechter Politik und nationalistischer Identitätsdiskurse, heute schwieriger ist als je zuvor. Ein trauriges Beispiel dafür war das Veto des polnischen Präsidenten Andrzej Duda im Mai gegen ein Gesetz, das die schlesische Sprache, gesprochen von fast 500.000 Menschen im Südwesten Polens, offiziell anerkannt hätte. Doch Olkos Arbeit reicht weit über die größeren Minderheiten hinaus.
Die leisen Stimmen Europas schützen
Ihr Blick richtet sich auch auf jene Sprachen im Süden Polens, die nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen werden: Lemko, mit etwa 11.000 Sprechern, und Wymysiöerys, das nur noch ein paar Dutzend Muttersprachler zählt. Olko hat bereits Lemko gelernt und beabsichtigt, sich auch dem Wymysiöerys zu widmen. Ihr Engagement geht über die Zahlen hinaus; es ist ein tiefes Verständnis für den Wert jeder einzelnen Stimme, jedes Wortes als Träger von Geschichte, Identität und Weltbild. Mit Projekten wie dem EU-finanzierten ENGHUM, das sie bis 2018 leitete, hat sie ihre Arbeit zur Sprachbewahrung auf zahlreiche Minderheitensprachen ausgeweitet.
Die UNESCO schätzt, dass es in der EU 221 bedrohte Regional- und Minderheitensprachen gibt. Die kritische Schwelle für das Überleben einer Sprache liegt bei etwa 300.000 Sprechern – eine Zahl, die viele europäische Sprachen dramatisch unterschreiten. Olkos unermüdlicher Einsatz ist ein inspirierendes Beispiel dafür, wie universelle Erkenntnisse über kulturelle Vielfalt und die Notwendigkeit des Schutzes von Minderheiten zu konkretem Handeln führen können. Ihre Arbeit zeigt: Jeder gerettete Dialekt, jede revitalisierte Sprache ist ein Sieg für die Vielfalt, die Europa ausmacht, und ein mutiger Schritt gegen das Vergessen.




