Inklusion ist mehr als ein Schlagwort – sie ist das Versprechen, jedem Kind die bestmögliche Bildung zu ermöglichen, unabhängig von seinen individuellen Voraussetzungen. Doch wie gelingt es Lehrenden, einen Raum zu schaffen, in dem sich wirklich alle gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen? Die Antwort liegt oft tief verwurzelt in der eigenen professionellen Identität – einer komplexen Mischung aus persönlichen Erfahrungen, Überzeugungen und externen Erwartungen.
Eine eindringliche Studie von Lawrence & Nagashima (2020) beleuchtet dies exemplarisch. Durch die Analyse persönlicher Erzählungen zweier Dozentinnen enthüllen die Forschenden, wie die Verflechtung von Geschlecht, Sexualität, Herkunft und dem Status als Muttersprachler*in die berufliche Identität von Sprachlehrer*innen fundamental beeinflusst. So berichtete eine der Autorinnen, eine bisexuelle japanische Frau, die in den USA lebt und arbeitet, von Erfahrungen der Sexualisierung und Fetischisierung. Um nicht noch stärker zum Objekt zu werden, sah sie sich gezwungen, ihre Bisexualität zu verbergen – eine unsichtbare Last, die weit über das Klassenzimmer hinausreicht und doch den Blick auf ihre Schüler*innen und ihre Lehrmethoden prägen kann. Diese Geschichten erinnern uns daran, dass jede Lehrkraft eine einzigartige Lebensgeschichte mit in den Unterricht bringt, die bewusst oder unbewusst die Interaktion und das Lernklima beeinflusst.
Wachstum durch Verständnis: Der Weg zu wahrer Inklusion
Der Aufbau einer solchen inklusiven Lehrer*innenidentität erfordert eine fortwährende Anpassungsfähigkeit an die vielfältigen Bedürfnisse der Lernenden. Es ist ein ständiger Prozess der Reflexion und Weiterentwicklung, der Kreativität im pädagogischen Handeln und die Fähigkeit erfordert, jede*n Einzelne*n zu motivieren und zu unterstützen (Galkienė, 2014). Lehrende sind eingeladen, ihre eigenen Praktiken kontinuierlich zu hinterfragen und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu erweitern, um den Erfolg aller Lernenden in einem wirklich inklusiven Umfeld zu sichern. Das bedeutet, die eigenen Vorurteile und blinden Flecken zu erkennen und aktiv daran zu arbeiten, sie zu überwinden.
Deutschlands Weg: Zwischen Anspruch und Realität
Gerade in Deutschland steht die inklusive Bildung vor besonderen Herausforderungen. Trotz der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention und des klaren Ziels einer inklusiven Schule zeigt sich noch immer eine bemerkenswerte Pfadabhängigkeit segregierter Strukturen. Die Entwicklung variiert stark zwischen den Bundesländern, aber das ausgedehnte Netz der Förderschulen besteht vielerorts fort (Steinmetz et al., 2021; Powell et al., 2016; Bildungsbericht, 2024). Dieses parallele System schränkt die Bildungschancen vieler Lernender, insbesondere jener mit sonderpädagogischem Förderbedarf, erheblich ein und erschwert ihnen den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen (Goldan & Kemper, 2020). Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, diese Strukturen zu hinterfragen und Räume zu schaffen, in denen jede*r Einzelne ihr volles Potenzial entfalten kann – beginnend bei der bewussten Gestaltung der eigenen professionellen Identität als Lehrkraft.




