Familienpolitik ist ein Eckpfeiler unseres Wohlfahrtsstaates. Sie soll das Zusammenleben in Familien über den Lebensverlauf hinweg unterstützen – mit Zeit, Geld und Infrastruktur. Doch was passiert, wenn sich die Ziele dieser Politik primär an ökonomischen Parametern ausrichten? Wenn soziale Rechte an individuelle Erwerbstätigkeit gekoppelt werden und die „Wahlfreiheit“ von Müttern und Vätern zum Schlagwort wird, das die dahinterliegenden Ungleichheiten verschleiert? Ein genauerer Blick offenbart, dass selbst gut gemeinte Reformen neue Bruchlinien schaffen können, die erst durch eine intersektionale Perspektive sichtbar werden.
Wohlfahrtsstaat und die Ökonomisierung der Familie
Lange Zeit wurde Familienpolitik vor allem als Instrument verstanden, um Familien im Großen und Ganzen zu stützen. Doch wie Katrin Menke und Ute Klammer in ihrer Arbeit aufzeigen, hat sich der Fokus in den letzten Jahrzehnten verschoben. Zunehmend werden ökonomische Begründungszusammenhänge zur Erreichung familienpolitischer Ziele etabliert. Das prominenteste Beispiel ist die Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit oder die Erhöhung der Geburtenrate als Argument für familiäre Unterstützung. Es ist eine Entwicklung, die soziale Rechte für Eltern immer stärker mit individueller Erwerbstätigkeit verknüpft – das Elterngeld ist hierfür ein prägnantes Beispiel. Familien werden so nicht mehr primär als soziale Einheiten, sondern als „Wirtschaftssubjekte“ (Menke 2016) betrachtet, deren Handeln optimiert werden soll, um gesamtgesellschaftliche ökonomische Ziele zu erreichen. Diese Verschiebung hat weitreichende Konsequenzen, insbesondere für die vermeintliche „Wahlfreiheit“.
Die Trugbilder der „Wahlfreiheit“
Der Begriff der „Wahlfreiheit“ ist in der familienpolitischen Debatte omnipräsent. Er suggeriert, dass Eltern, insbesondere Mütter und Väter, gleichermaßen frei entscheiden können, wie sie Erwerbs- und Sorgearbeit aufteilen. Doch die Forschung von Katrin Menke (2019) zeigt, dass diese Wahlfreiheit oft selektiv ist und keineswegs für alle gleichermaßen besteht. Eine ökonomisierte Familienpolitik, die beispielsweise Anreize zur Erwerbstätigkeit setzt, ohne die vielfältigen Lebensrealitäten zu berücksichtigen, kann paradoxerweise die Ungleichheiten verstärken, die sie eigentlich mindern wollte. Wenn finanzielle Unterstützung stark an Arbeitsstunden gekoppelt ist, fallen jene zurück, die aus strukturellen Gründen – sei es aufgrund mangelnder Kinderbetreuung, Pflegeverantwortung oder prekärer Beschäftigungsverhältnisse – weniger erwerbstätig sein können oder wollen.
Wie Menke und Klammer (2017) feststellen, führt dies zu der drängenden Frage: „Mehr Geschlechtergerechtigkeit – weniger soziale Gerechtigkeit?“ Die Betonung von Geschlechtergerechtigkeit durch die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit ist an sich ein wichtiges Ziel. Wenn dies jedoch dazu führt, dass soziale Gerechtigkeit für bestimmte Gruppen – etwa Alleinerziehende, Familien mit geringem Einkommen oder jene mit Migrationshintergrund – auf der Strecke bleibt, weil ihre „Wahlfreiheit“ durch strukturelle Hürden massiv eingeschränkt ist, dann müssen wir unser Verständnis von Gerechtigkeit neu kalibrieren.
Intersektionalität: Wenn Ungleichheiten sich überlagern
Hier kommt die intersektionale Perspektive ins Spiel. Sie erlaubt es uns, die komplexen Überlagerungen von Ungleichheiten zu erkennen. Es geht nicht nur um Geschlecht, sondern auch um soziale Klasse, Herkunft, Bildung und weitere Dimensionen, die sich gegenseitig verstärken und die Lebensentscheidungen von Individuen beeinflussen. Eine Person ist nicht nur „Mutter“, sondern auch „gering qualifiziert“, „alleinerziehend“ und „von Armut bedroht“. Diese verschiedenen Identitätsmarker schaffen eine spezifische Vulnerabilität, die von einer rein ökonomisch oder geschlechterfokussierten Politik oft übersehen wird. Die Notwendigkeit dieser ganzheitlichen Betrachtung erstreckt sich sogar auf die Forschung selbst.
Herausforderungen in der Forschung: Wer wird repräsentiert?
Auch in wissenschaftlichen Kontexten, wie etwa klinischen Studien, stellt sich die Frage nach fairer Repräsentation – ein Thema, das in der Quelle am Rande erwähnt wird, aber für eine intersektionale Denkweise von zentraler Bedeutung ist (vgl. Young 2000). Wenn wir politische Maßnahmen entwickeln wollen, die wirklich wirken, müssen die zugrunde liegenden Daten die Vielfalt der Gesellschaft abbilden. Die Schwierigkeiten, dies zu gewährleisten, sind jedoch beträchtlich:
- Welche Gruppen sollten überhaupt als Abbild welcher bestimmten Gesamtentität – Bevölkerung oder Patientinnenkreis – ausgewählt werden?
- Worin besteht die konkrete Schwierigkeit, den Anspruch auf eine faire deskriptive Repräsentation durch die Inklusion bestimmter Studienteilnehmerinnen einzulösen?
- Warum sollte die Auswahl der Forschungsobjekte in klinischen Studien praktisch für soziale Gerechtigkeit sorgen können?
- Welche Anschlüsse bestehen für eine intersektionale Konzipierung entsprechender Forschungspolicies, die dieses Problem adressieren?
Diese Fragen verdeutlichen, dass das Problem der Ungleichheit tief verwurzelt ist – von der Formulierung politischer Ziele bis hin zur Datenerhebung in der Forschung. Eine echte „Wahlfreiheit“ oder „soziale Gerechtigkeit“ kann nur erreicht werden, wenn wir die vielfältigen Lebensumstände und die komplexen Überlagerungen von Diskriminierungen und Benachteiligungen erkennen und in unsere Politikgestaltung integrieren.
Fazit: Für eine tiefere Gerechtigkeit
Für uns als progressive Pragmatiker bedeutet das, über die oberflächlichen Versprechungen von Effizienz und Gleichheit hinauszublicken. Eine wirklich verantwortungsvolle Politik muss die intersektionalen Verflechtungen von Ungleichheit verstehen und in den Mittelpunkt rücken. Sie muss anerkennen, dass Familien nicht als homogene „Wirtschaftssubjekte“ agieren, sondern aus Individuen mit einzigartigen Lebensgeschichten und strukturellen Herausforderungen bestehen. Nur so können wir Politikfelder wie die Familienpolitik so gestalten, dass sie nicht nur kurzfristige ökonomische Ziele erfüllt, sondern langfristig zu einer Gesellschaft beiträgt, in der tatsächliche Wahlfreiheit und umfassende soziale Gerechtigkeit für alle Realität werden.




