Museen sind weit mehr als nur Aufbewahrungsorte für vergangene Epochen. Sie sind lebendige Orte des Lernens, der Reflexion und des Dialogs. Doch was geschieht, wenn das Erbe, das sie hüten, die komplexen und oft schmerzhaften Schatten der Kolonialzeit trägt? In Deutschland erleben wir derzeit eine intensive, aber notwendige Auseinandersetzung darüber, wie wir mit den Spuren unserer kolonialen Vergangenheit umgehen – und welche Rolle unsere ethnologischen Museen dabei spielen.
Es geht um mehr als nur historische Fakten; es geht um Identität, um Gerechtigkeit und um eine aufrichtige Versöhnung mit Nationen, deren Kulturgüter einst unter fragwürdigen Umständen nach Europa gelangten. Die Forderung nach einer Dekolonisierung der Museen und der Restitution von Raubkunst ist keine bloße intellektuelle Übung. Sie ist ein Ruf nach Anerkennung des Leids, das durch Eroberung, Ausbeutung und Gewalt verursacht wurde, und eine Chance, ein neues Kapitel der globalen Zusammenarbeit auf Augenhöhe aufzuschlagen.
Widerstände und die Kunst der Verzögerung
Doch dieser Weg ist nicht ohne Stolpersteine. Wir beobachten, wie sich bestimmte Stimmen – darunter auch radikal rechte Parteien – vehement gegen eine kritische Revision der Kolonialgeschichte stemmen. Sie versuchen, die Forderungen nach Restitution und die Anerkennung kolonialer Verbrechen als „verzerrtes Bild“ oder gar als „marxistische Ideologie“ abzutun. Hinter dieser Rhetorik verbirgt sich oft ein tief sitzendes Unbehagen in Teilen der Gesellschaft, sich mit der eigenen Geschichte des Rassismus und der strukturellen Ungerechtigkeit auseinanderzusetzen.
Seit Jahrzehnten erleben wir eine Strategie, die man als „Diskursverschiebung“ bezeichnen könnte. Anstatt die berechtigten Forderungen nach Rückgabe direkt anzugehen, werden endlose Diskussionen, langwierige Konferenzen und neue „Kooperationsprojekte“ initiiert. Für die rechtmäßigen Eigentümer:innen kolonialer Kulturgüter bedeutet dies eine Zermürbungstaktik, die den Status quo bewahren soll. Solange debattiert wird, kann die Notwendigkeit einer tatsächlichen Rückgabe hinausgezögert und die Existenz der Institutionen in ihrer aktuellen Form gerechtfertigt werden.
Eine Chance für echte Verantwortung
Für uns als progressive Pragmatiker:innen ist klar: Diese Haltung ist nicht nur historisch unzureichend, sondern verkennt auch die immense Chance, die in einer ehrlichen Aufarbeitung liegt. Wenn wir die Kolonialgeschichte nicht länger leugnen oder verharmlosen, sondern ihr einen „angemessenen Platz in unserer Erinnerung“ einräumen, wie es Bundespräsident Steinmeier formulierte, dann eröffnen sich Wege zu einer echten politischen Versöhnung, die auch finanzielle Wiedergutmachung einschließen kann.
Es ist an der Zeit, dass unsere Museen zu Vorreitern eines globalen Kulturaustauschs werden, der auf Respekt, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung basiert. Die Dekolonisierung ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung – sie ermöglicht es uns, vielfältige Perspektiven zu würdigen, die Lücken unserer Geschichte zu füllen und eine gemeinsame Zukunft zu gestalten, in der „Verantwortung wirkt“ nicht nur ein Schlagwort, sondern gelebte Realität ist. Lassen Sie uns gemeinsam diesen Weg gehen und unsere Museen zu Orten machen, die die Vielfalt und Würde aller Kulturen feiern.




