Die Art und Weise, wie wir sprechen und schreiben, formt nicht nur unsere Gedanken, sondern auch die Welt, in der wir leben. Für Menschen mit Behinderungen hat die mediale Darstellung oft eine lange Geschichte von Stigmatisierung und Reduzierung auf vermeintliche Defizite. Doch es ist eine leise, aber machtvolle Revolution im Gange, um diese Narrative zu verändern und eine Sprache zu etablieren, die die Vielfalt und die Stärken jedes Einzelnen feiert. In Österreich hat das Bundeskanzleramt eine Initiative ins Leben gerufen, die genau dies zum Ziel hat: die Sichtweise auf Menschen mit Behinderungen in den Medien grundlegend neu zu gestalten.
Warum die Wahl unserer Worte so entscheidend ist
Formulierungen wie "an den Rollstuhl gefesselt", "taubstumm" oder "leidet an" mögen auf den ersten Blick harmlos erscheinen, doch sie tragen eine schwerwiegende Last. Sie erschaffen Bilder, die Menschen mit Behinderungen als Opfer darstellen, als leidende Individuen, deren Identität primär durch ihre Behinderung definiert ist. Diese Sprache erzeugt Mitleid statt Respekt, schürt Vorurteile statt Verständnis und verwehrt oft den Blick auf die einzigartigen Talente, Fähigkeiten und Beiträge, die diese Menschen leisten. Es wird ein Fokus auf das gelegt, was nicht funktioniert, anstatt auf das, was möglich ist.
Doch es geht um mehr als bloße Sprachkosmetik. Es geht um eine grundlegende Verschiebung der Perspektive. Die Initiative des Bundeskanzleramtes, die sich aus der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung einer Empfehlung zur Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien (Maßnahme 101 im Nationalen Aktionsplan Behinderung 2012-2020) speist, setzt hier einen wichtigen Impuls. Sie fordert Medienschaffende und die Öffentlichkeit auf, die Stärken von Menschen mit Behinderungen in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet, nicht nur die Hürden und Herausforderungen zu beleuchten, sondern vor allem auch die Resilienz, die Innovation, die kreativen Lösungen und die persönlichen Erfolge, die oft im Schatten der Negativberichterstattung stehen.
Eine Brücke zum Dialog: Was die Info-Schnittstelle "Medien & Barrierefreiheit" leistet
Um diese Transformation aktiv zu unterstützen und zu beschleunigen, hat das Bundeskanzleramt die Info-Schnittstelle "Medien & Barrierefreiheit" eingerichtet. Diese Schnittstelle ist weit mehr als nur eine Kontaktstelle; sie ist ein proaktiver Vermittler und ein Katalysator für eine inklusivere Mediengesellschaft. Sie versteht sich als zentrale Anlaufstelle, um den Informationsaustausch und die Vernetzung zwischen verschiedenen Akteuren zu fördern, die alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: eine faire und stärkebetonte Darstellung von Menschen mit Behinderungen.
Ihre Hauptaufgaben sind dabei vielfältig und strategisch ausgerichtet:
- Sie fördert die Kooperation von Behindertenorganisationen mit Medien und Verwaltungseinheiten, um einen stärkeren Informationsaustausch zu bewirken und Synergien zu schaffen.
- Sie vermittelt Expertinnen und Experten aus Behindertenorganisationen bei Anfragen von Medienunternehmen oder Stellen des Öffentlichen Dienstes, um authentische Stimmen und fundiertes Wissen in die Berichterstattung zu bringen.
- Sie nimmt Empfehlungen und Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit des Bundeskanzleramtes und anderer Bundesdienststellen entgegen und bringt diese bei Entscheidungsgremien ein.
- Sie vermittelt themenbezogene Bildungsangebote der Verwaltungsakademie, um Fachwissen und Sensibilität im Umgang mit dem Thema zu stärken.
Diese praktischen Ansätze ermöglichen es Medienschaffenden, ihre Geschichten mit der nötigen Tiefe, Präzision und Empathie zu erzählen, die das Thema verdient. Es geht darum, Barrieren nicht nur physisch abzubauen, sondern auch in den Köpfen und in der Sprache.
Mehr als nur eine Anlaufstelle: Wirkung und Grenzen des Engagements
Die Info-Schnittstelle ist bewusst als eine Instanz der Förderung und Vermittlung konzipiert. Sie ist keine Beschwerde- oder Schlichtungsstelle und kann auch keine Vorgaben oder Gutachten mit rechtsverbindlichem Charakter entwickeln. Diese klare Abgrenzung unterstreicht ihren Charakter als Moderator und Unterstützer, der auf Dialog, Bildung und die freiwillige Kooperation der Beteiligten setzt. Es geht nicht um Kontrolle oder Bestrafung, sondern um Sensibilisierung und das Angebot von Hilfestellungen für eine bessere Praxis.
Ihre Stärke liegt gerade darin, als Brücke zu fungieren – zwischen Menschen mit Behinderungen und ihren Organisationen auf der einen Seite, und Medienschaffenden sowie Verwaltungseinheiten auf der anderen. Durch diese Vernetzung wird es leichter, authentische Geschichten zu finden, korrekte Informationen zu erhalten und Vorurteile abzubauen. Die Schnittstelle trägt aktiv dazu bei, dass das im Nationalen Aktionsplan Behinderung 2012-2020 festgelegte Ziel einer inklusiveren Gesellschaft Schritt für Schritt Realität wird.
Ein Wegweiser für eine inklusivere Berichterstattung
Die Initiative des Bundeskanzleramtes und die Info-Schnittstelle "Medien & Barrierefreiheit" sind ein bemerkenswerter Schritt auf dem Weg zu einer inklusiveren Gesellschaft. Sie sind ein klares Zeichen dafür, dass die Verantwortung für eine positive und vorurteilsfreie Darstellung von Menschen mit Behinderungen bei uns allen liegt. Indem wir bewusst unsere Sprache wählen, die Stärken und die Vielfalt in den Vordergrund stellen und den Dialog suchen, können wir gemeinsam dazu beitragen, stereotype Bilder aufzubrechen und eine mediale Landschaft zu schaffen, die die volle Bandbreite menschlicher Erfahrungen und Potenziale widerspiegelt. Es ist ein Investment in eine Zukunft, in der jeder Mensch gesehen, gehört und wertgeschätzt wird – nicht trotz, sondern mit all seinen Facetten.




