In einer Zeit rasanter Veränderungen suchen wir oft nach neuen Wegen, um uns zu orientieren. Doch manchmal liegen die wertvollsten Antworten tief in den Geschichten, Traditionen und Bräuchen, die uns umgeben. Immaterielles Kulturerbe – das sind keine staubigen Relikte vergangener Tage, sondern lebendige Ausdrucksformen, die Generationen verbinden und unserer Gegenwart Sinn verleihen. Diese Erkenntnis bildet den Kern eines zukunftsweisenden Projekts von UNESCO und Europäischer Kommission, das aufzeigt, wie die aktive Einbeziehung junger Menschen in ihr Erbe den Grundstein für ein inklusiveres und nachhaltigeres Europa legt.
Was ist Immaterielles Kulturerbe und warum ist es so wertvoll?
Bevor wir uns dem wegweisenden Projekt widmen, lohnt sich ein Blick auf die Definition und Bedeutung des immateriellen Kulturerbes. Während viele beim Stichwort „Kulturerbe“ zunächst an majestätische Bauwerke, alte Manuskripte oder Kunstwerke denken – das sogenannte materielle Kulturerbe –, umfasst das immaterielle Kulturerbe (IKL) jene immateriellen Aspekte, die unser Leben bereichern und unsere Identität prägen. Die UNESCO definiert es als die Praktiken, Darstellungen, Ausdrucksformen, Kenntnisse und Fertigkeiten – sowie die dazugehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und Kulturräume –, die Gemeinschaften, Gruppen und unter Umständen auch Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes anerkennen.
Dazu gehören mündliche Überlieferungen, darstellende Künste, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum sowie traditionelle Handwerkstechniken. Es ist das Wissen, wie man ein traditionelles Gericht zubereitet, eine bestimmte Musik spielt, einen Volkstanz aufführt oder ein Handwerk ausübt. Der entscheidende Unterschied zum materiellen Erbe ist seine Lebendigkeit: Es wird von Generation zu Generation weitergegeben, ständig neu geschaffen und ist eng mit dem sozialen und kulturellen Kontext seiner Träger verbunden. Diese Dynamik macht es zu einem mächtigen Werkzeug für sozialen Zusammenhalt, kulturelle Vielfalt und ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit.
Warum ist die Einbeziehung junger Menschen für die Bewahrung des Kulturerbes entscheidend?
Die Zukunft des immateriellen Kulturerbes hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die jüngeren Generationen dafür zu begeistern und aktiv einzubinden. In einer globalisierten und digitalisierten Welt, in der Traditionen unter Druck geraten können, ist die intergenerationelle Weitergabe von entscheidender Bedeutung. Junge Menschen sind dabei nicht nur passive Empfänger von Wissen, sondern aktive Gestalter und Innovatoren. Sie bringen neue Perspektiven, Energie und oft auch digitale Kompetenzen mit, die unerlässlich sind, um Traditionen relevant und lebendig zu halten.
Für die Jugendlichen selbst bietet die Auseinandersetzung mit ihrem kulturellen Erbe vielfältige Vorteile: Sie stärkt die Identität und das Gefühl der Zugehörigkeit, fördert den kritischen Umgang mit der eigenen Geschichte und eröffnet Räume für Kreativität und Ausdruck. Indem sie die Geschichten, Bräuche und Handwerke ihrer Vorfahren kennenlernen und weiterentwickeln, werden sie zu Brückenbauern zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie entwickeln ein besseres Verständnis für andere Kulturen und fördern so den interkulturellen Dialog und Respekt – essentielle Kompetenzen für ein friedliches Zusammenleben in einem vielfältigen Europa.
Das UNESCO-EU-Projekt: Wie lebendiges Erbe Schulen und Gemeinschaften transformiert
Das 2019 im Rahmen des Europäischen Jahres des Kulturerbes gestartete Projekt „Einbeziehung der Jugend für ein inklusives und nachhaltiges Europa“ ist ein Leuchtturm dieser Philosophie. Es markierte eine echte Pionierleistung, indem UNESCO und EU ihre Kräfte bündelten, um gemeinsame Prioritäten in Bildung und Kultur zu vereinen. Das primäre Ziel war klar: junge Menschen nicht nur zu Konsumenten, sondern zu aktiven Hütern, Vermittlern und Innovatoren ihres kulturellen Erbes zu machen.
Der Erfolg des Projekts basiert maßgeblich auf seinem „Bottom-Up“-Ansatz. Statt starre Lehrpläne von oben herab zu diktieren, entstand das Vorhaben in enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern in UNESCO-Schulen quer durch Europa. Dieser partizipative Ansatz gewährleistete, dass die entwickelten Ressourcen und Methoden praxisnah und relevant für den Schulalltag sind. Das Ergebnis ist eine dynamische Sammlung von Lehr- und Lernmaterialien, die innovative Ansätze zur Verankerung des immateriellen Kulturerbes im täglichen Unterricht bietet. Diese Ansätze reichen von projektbasiertem Lernen über digitale Storytelling-Methoden bis hin zu interdisziplinären Projekten, die Geschichte, Kunst, Musik und Sozialkunde verbinden. Gleichzeitig entstand ein wachsendes Netzwerk junger Fachkräfte, die als Multiplikatoren und Mentoren fungieren und das Wissen über lebendiges Erbe weitergeben.
Die Vorteile dieser partizipativen Herangehensweise sind vielfältig:
- Stärkung der kulturellen Identität: Jugendliche lernen die Vielfalt des eigenen Erbes und das anderer Kulturen kennen und schätzen.
- Förderung von Schlüsselkompetenzen: Kreativität, kritisches Denken, Problemlösung und Teamarbeit werden durch aktive Projekte gestärkt.
- Entwicklung von Toleranz und Respekt: Das Verständnis für unterschiedliche Bräuche und Lebensweisen fördert den interkulturellen Dialog.
- Aktive Bürgerschaft: Jugendliche werden ermutigt, sich für die Bewahrung und Weiterentwicklung ihres Erbes einzusetzen und so zu aktiven Mitgliedern ihrer Gemeinschaft zu werden.
- Nachhaltige Entwicklung: Das Wissen über traditionelle Praktiken und deren ökologische Dimensionen trägt zu einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen bei.
Mariya Gabriel, damals Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend, brachte die Essenz auf den Punkt: „Unser kulturelles Erbe: wo die Vergangenheit der Zukunft begegnet.“ Ein Satz, der die Philosophie hinter diesem Projekt perfekt einfängt.
Lebendiges Erbe als Kompass: Ein progressiver Pragmatismus für die Zukunft
Das Engagement für immaterielles Kulturerbe ist weit mehr als nur eine nostalgische Rückbesinnung. Es ist ein Akt des progressiven Pragmatismus, der konkrete Vorteile für unsere Gesellschaft birgt. Indem wir jungen Menschen die Werkzeuge an die Hand geben, ihre eigene Kultur zu verstehen, zu schätzen und weiterzuentwickeln, investieren wir nicht nur in ihre persönliche Identität, sondern auch in die Stabilität, Vielfalt und Resilienz unserer Gesellschaft. Lebendiges Erbe fördert den sozialen Zusammenhalt, indem es gemeinsame Wurzeln und Werte stärkt. Es ist ein Schatz, der nicht verbraucht, sondern durch Weitergabe und Anpassung immer wieder neu belebt wird.
Für ein Online-Magazin wie „Verantwortung wirkt!“ ist dieses Projekt ein Paradebeispiel dafür, wie kulturelle Verantwortung praktische Lösungen für aktuelle Herausforderungen liefert. Es zeigt, dass Respekt vor der Vergangenheit die Grundlage für eine strahlende, gemeinsame Zukunft legt, in der Inklusion und Nachhaltigkeit keine leeren Worthülsen bleiben, sondern durch gelebtes Erbe eine konkrete Bedeutung erhalten. Es ist ein Kompass, der uns hilft, in einer komplexen Welt Orientierung zu finden und gemeinsam an einer lebenswerten Zukunft zu bauen.




